Limburg hat unzählige historische Perlen zu bieten, von der denkmalgeschützten Innenstadt von Maastricht bis hin zu verwitterten Burgruinen entlang der Maas. Dennoch gibt es einen Ort in der Provinz, der sich in nichts dem Rest der Niederlande gleicht.
Zwei Autostunden von Amsterdam entfernt liegt Thorn, ein ehemaliger souveräner Kleinstaat, der mit seinen gepflasterten Gassen und strahlend weißen Fassaden fast schon mediterran wirkt.
Aber der Schein trügt. Die frische Kalkschicht dient schon seit zwei Jahrhunderten dazu, zugemauerte Fenster zu verbergen: die direkte Folge eines französischen Einfalls und des plötzlichen Endes einer 800-jährigen Herrschaft adliger Frauen.
800 Jahre lang ein souveränes Frauenreich

Was heute wie ein idyllisches limburgisches Dorf aussieht, begann um das Jahr 990 als adeliges Damenstift. Das religiöse Zentrum entwickelte sich schnell zum kleinsten souveränen Mini-Fürstentum innerhalb des Heiligen Römischen Reiches.
Jahrhundertelang führten hier 33 aufeinanderfolgende Fürstinnen-Äbtissinnen das Sagen. Das kleine Reich unterstand direkt dem Kaiser, prägte seine eigenen Goldmünzen und übte eigene Rechtsprechung aus.
Nur Frauen aus dem höchsten Adel durften in die Adelsgemeinschaft aufgenommen werden. Diese Damen lebten nicht in frommer Genügsamkeit, sondern residierten in standesgemäßen Herrenhäusern im Dorfkern.
Die französische Steuer, die das Städtchen weiß färbte

Als 1794 die französischen Revolutionstruppen einmarschierten, ergriffen die adeligen Damen überstürzt die Flucht. Das Ende des Mini-Fürstentums läutete unmittelbar Armut ein.
Die neuen französischen Machthaber führten eine verhasste Fenstersteuer ein: Je größer die Fenster, desto höher die Steuer. Die Dorfbewohner, die in die großzügigen Herrenhäuser gezogen waren, konnten dieses Geld nicht aufbringen.
Als kreative Lösung mauerten sie die Fenster zu und trugen eine deckende Schicht weißen Kalk auf die Fassaden auf , um die Spuren zu verbergen.
Ein historisches Freilichtmuseum

Wer heute durch die gepflasterten Gassen schlendert, betritt ein Freilichtmuseum. Innerhalb des historischen Dorfkerns ist das einzigartige Straßenbild aus Kopfsteinpflaster und weiß getünchten Herrenhäusern fast vollständig erhalten geblieben.
Der absolute Mittelpunkt des historischen Dorfkerns ist die imposante Abteikirche, ein gotisches Meisterwerk, das an die achthundert Jahre adeliger Macht erinnert.
Das ehemalige Mini-Fürstentum ist heute ein denkmalgeschütztes Dorfbild und eines der fotogensten nationalen Denkmäler unseres Landes.